Geschwister-Mendelssohn-Medaille 2019

11. November 2019 | Mendelssohn-Remise

Die Festveranstaltung des Chorverbandes Berlin ließ zurückblicken auf eine äußerst bewegte Zeit, die ihre Spuren auf verschiedenste Weise in unserer Stadt und ihren Chören hinterlassen hat. In den Räumen der Mendelssohn-Gesellschaft in der Jägerstraße in Berlin-Mitte ist der Chorverband Berlin in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal zu Gast gewesen, um Persönlichkeiten, die sich in besonderem Maße um die Berliner Chorszene verdient gemacht haben, mit dem höchsten Preis des Verbandes auszuzeichnen. Herr Lackmann, der Vorsitzende der Mendelssohn-Gesellschaft, begrüßte die Gäste des Abends und leitete die feierliche Veranstaltung ein. Nach dem Grußwort unserer Präsidentin Petra Merkel wurde der bisherige Vorsitzende des Musikausschusses, Carsten Albrecht, feierlich aus seinem Amt verabschiedet. Für sein Engagement besonders auch für die Geschwister-Mendelssohn-Medaille danken wir ihm sehr. Petra Merkel stellte auch bereits den neuen Vorsitzenden Adrian Emans vor (Leiter des Charite-Chores Berlin, des Neuen Kammerchores Berlin und des Neuen Männerchores Berlin), dem wir für seine Arbeit im Musikausschuss alles Gute wünschen.

2019 stand die feierliche Verleihung der Geschwister-Mendelssohn-Medaille ganz im Zeichen des Falls der Berliner Mauer 1989 und der darauffolgenden Wiedervereinigung.
Die damaligen Ereignisse haben die heute größte Amateurmusikorganisation Berlins entscheidend geformt. Ein Mann der ersten Stunden der Wiedervereinigung wurde am gestrigen Abend für sein Lebenswerk geehrt: Wolfgang Erlat als Fachmann in Sachen Vereins- und Finanzrecht hatte ab 1989 wesentlich dazu beigetragen, dass der Chorverband Berlin als Zusammenschluss der Chorvereinigungen aus dem Westen und Osten Berlins seine damalige Form als (Gesamt-)Berliner Sängerbund finden konnte. Es sei darauf angekommen, nicht nur zu reden, sondern vor allem zu handeln, so Erlat in seiner Dankesrede. Die erfolgreiche Zusammenführung der beiden Verbände vor 30 Jahren sei vor allem eine kompromissorientierte Angelegenheit gewesen, die keiner Seite zum Schaden gereicht hätte. Seit 1965 singt Wolfgang Erlat in einer Gruppe der Singevereinigung „Märkisches Ufer“ e. V.

Gerührt und dankbar, besonders für die jüngsten Tendenzen der gegenseitigen Annäherung, zeigten sich auch die Chorleitungen der beiden ausgezeichneten Chöre, die Berliner Singakademie und die Sing-Akademie zu Berlin. Beide Chorleiter hielten für die jeweils andere Institution die feierliche Laudatio. Achim Zimmermann (Berliner Singakademie) fand in seinem kurzen Abriss der Geschichte der beiden Chöre durchaus auch kritische Worte, hatte er doch schon in den Neunziger Jahren mehrfach versucht, kollegiale Wege der Zusammenarbeit mit der Sing-Akademie zu Berlin einzuschlagen, damals jedoch erfolglos. Die Teilung der Stadt hatte es dem Großteil der Sänger*innen der Sing-Akademie zu Berlin unmöglich gemacht, an den Chorproben im Westteil der Stadt teilzunehmen. Der Chor wurde durch den Bau der Berliner Mauer auseinandergerissen. In Ost-Berlin wurde ein neues Ensemble gegründet, das sich künstlerisch und konzeptionell an der Sing-Akademie zu Berlin orientierte, und Berliner Singakademie taufte. Schon der so ähnliche Name bot genügend Potenzial für einen jahrzehntelang andauernden Streit zwischen den beiden Ensembles. Umso erfreulicher später die bewegenden Worte Zimmermanns über die Annäherungen der beiden Akademien in der jüngsten Zeit. Seit 16 Jahren, so Kai-Uwe Jirka (Sing-Akademie zu Berlin) in seiner Laudatio, haben die beiden Berliner Institutionen einander wieder im Blick, was sich vor allem darin äußere, dass nie die gleichen Konzertprogramme und Aufführungsorte gewählt würden - ausgenommen dabei natürlich die drei Gemeinschaftskonzerte, die Zimmermann und Jirka mit ihren nunmehr freundschaftlich verbundenen Chören bisher zusammen ausgerichtet haben. „Wir sind eigentlich ganz froh, dass es diese namentliche Verwechslungsgefahr gibt“, so Jirka weiter, „denn so können wir unsere besondere Geschichte erklären und gleichzeitig für unsere geschätzten Kollegen Werbung machen.“

Viel Fingerspitzengefühl erforderte die Zeit des Umbruchs ab 1989 im Chorverband und in den beiden geehrten Chören. Musikalisch umrahmt wurde die Festveranstaltung durch den Landesjugendchor Berlin. Das junge Ensemble schloss an diesem Abend selber eine erste Phase des Wiederaufbaus ab - die Umrahmung der Veranstaltung in der Mendelssohn-Remise stellte den ersten öffentlichen Auftritt des Jugendchores seit über einem Jahr dar. Die Performance unter Leitung von Daniela Bartels (derzeit Gastprofessorin für Musikpädagogik an der Universität der Künste) und in stimmbildnerischer Betreuung von Martin Lorenz (ehemals Delta Q) brachte Schwung in die Remise und macht neugierig auf die weitere Entwicklung des engagierten Ensembles.

Über Trennung, Annäherung und Wiedervereinigung hinweg klingt die getrennte und gemeinsame Geschichte der Hauptstadtchöre im Chorverband Berlin weiter. Amateurchöre aller Bezirke vereint der Fachverband heute unter seinem Dach. Diese wiedergefundene Gemeinschaft macht den Chorverband Berlin zu dem Verband, der er heute ist. Stolz und dankbar gratuliert er den Preisträgern der diesjährigen Medaille dazu, die bunte Chorszene der Hauptstadt schon seit Langem so entscheidend mitzugestalten.

Herzlichen Glückwunsch an Wolfgang Erlat, die Berliner Singakademie unter Achim Zimmermann und die Sing-Akademie zu Berlin unter Kai-Uwe-Jirka. Auf eine erfolgreiche weitere Zusammenarbeit!