Chöre im Nationalsozialismus

In den Unterlagen des ehemaligen Berliner Sängerbundes (heute: Chorverband Berlin e.V.) finden sich keine durchgängigen Informationen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Dennoch wurde an dieser Stelle versucht, das Zeitgeschehen anhand von Beispielen zu beleuchten.

Vorgaben und Einschränkungen

Die Reichskulturkammer

Von Handbuch der Reichskulturkammer, Berlin 1937 - https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Reichskulturkammer_1937.jpg, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61998841

Die Einrichtung einer Reichskulturkammer folgte auf das am 22. September 1933 verabschiedete Reichskulturkammergesetz, welches durch Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, initiiert wurde.

Die Reichskulturkammer teilte sich in sieben Einzelkammern, darunter die Reichsmusikkammer. Eine Mitgliedschaft wurde Voraussetzung, um weiterhin öffentlich musizieren und Auftritte bewerben zu dürfen.

Da eine Mitgliedschaft den Nachweis arischer Abstammung und Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat voraussetzte, kam die Einrichtung der Kammer einem Auftrittsverbot für jüdische Künstler:innen gleich.

Gleichschaltung der Kultur

Mit der Gleichschaltung aller Lebensbereiche wurde versucht, eine Kontrolle über diese Bereiche zu erlangen. Damit gingen Vorgaben und Verbote einher – so auch für das aufgeführte Repertoire:

  • Werke der Moderne oder der Neuen Musik waren verpönt und wurden als „entartet“ bezeichnet
  • Werke mit Inhalten konträr den nationalsozialistischen Ideologien waren verboten, so auch Literatur der Arbeitersängerbewegung
  • Werke von „Juden, Dreivierteljuden, Halbjuden oder Vierteljuden“ durfen nicht gesungen werden
  • der Fokus galt Werken der Tradition, die erlaubt waren, und vior allem Werke geschaffen aus einem Geist der „neuen Zeit“ heraus

“Wer bei der Erzeugung, der Wiedergabe, der geistigen oder technischen Verarbeitung, der Verbreitung, der Erhaltung, dem Absatz der der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut mitwirkt, muß Mitglied der Einzelkammer sein, die für seine Tätigkeit zuständig ist.”

(Gesetz über die Einrichtung der Reichskulturkammer § 4)

Verbandspolitik

Verbandsverbote

In Folge des Beamtengesetzes von 1933, dass Juden von staatlichen Kultureinrichtungen ausschloss, wurde ein jüdischer Kulturbund gegründet. Als Mittel der Separierung und Ausgrenzung wurde dieser bis 1941 geduldet.

Der Deutsche Arbeiter-Sänger-Bund, Vorläufer bestanden bereits ab 1877, vereinte unter seinem Dach die Arbeitergesangsvereine. Zielsetzung war es, dem Proletariat „musikalische Bildung zukommen zu lassen“. Mit Machtergreifung gerieten die Arbeiterchöre schnell ins Visier der NSDAP. Anfangs wurde noch versucht, das Bestehen zu sichern, schließlich löste sich der DAS auch wegen innerer Unstimmigkeiten am 25. Mai 1933 auf.

Im Deutschen Sängerbund

“Es war eine Selbstverständlichkeit, dass sich der DSB (…) sofort der neuen Regierung unterstellte und in einem Aufruf dem neuen Deutschen Reich und seinen Führern einen Gruß sandte.”

(DSB-Jahrbuch 1934, S. 78)

Die führenden Persönlichkeiten des Deutschen Sängerbundes begrüßten den politischen Wechsel und ordneten den Chören im politischen Umbruch und dem neuen System eine tragende Rolle zu.

Trotz dieser offenkundigen Zustimmung gestalteten sich die Anfänge der Arbeit des DSB vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Kulturpolitik als schwierig. Georg Brauner – neu gewählter Bundesvorsitzender des DSB und aus Berlin – legte einen Fahrplan für die Gleichschaltung der Chöre im DSB innerhalb des neuen politischen Systems vor, die in Diskrepanz zu Vorgaben der neu eingerichteten Reichsmusikkammer stand. Seine Ideen sahen vor, dass der DSB seine Entscheidungsfreiheiten behalten und weiterhin autark innerhalb eigener Regelungen gehandelt hätte – und gleichzeitig keine Position zu anderen Debatten, etwa zu anderen Bereichen der Kulturpolitik oder der Rassenpolitik, eingenommen hätte. Diese Ideen widersprachen aber den Grundsätzen der Reichskulturkammer, was zum Konflikt führte – und zum Rücktritt Georg Brauners am 18. März 1984.

Am 20. März 1934 äußerte sich Joseph Goebbels zu dem Konflikt. Es vergingen danach keine fünf Tage, ehe der Deutsche Sängerbund verkündete, fortan als Fachverband für das Männerchorwesen Teil der Reichsmusikkammer zu sein. Die Krisenstimmung mit der Reichskulturkammer war damit beendet, gleichzeitig waren mit dieser Entwicklung auch jegliche Bestrebungen, den Verband auch für gemischte Chöre und Frauenchöre zu öffnen, vorerst wieder hintenangestellt, da innerhalb der Reichskulturkammer die Fachverbände Deutscher Sängerbund und diese für gemischte Chöre strikt getrennt waren.

Bereits eine Tradition seit 1865 – die Deutschen Sängerbundesfeste des DSB, hier die Faltblätter von 1928, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin, Foto: Stephan Röhl, 2025

“Der Deutsche Sängerbund e.V. … hat es in Widerspruch zu den gesetzlichen Bestimmungen abgelehnt, die Mitgliedschaft bei dem zuständigen Fachverband der Reichsmusikkammer zu erwerben. (…) Auf Grund des §25 der Ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz vom 1.11.1933 untersage ich hiermit bis auf weiteres allen Dirigenten, Chormeistern und Personen mit ähnlichem Tätigkeitsbereich, die selbst im Deutschen Sängerbund an der Verbreitung musikalischen Kulturguts mitwirken, die weitere Tätigkeit mit dem Deutschen Sängerbund. Eine Zuwiderhandlung … hat den Ausschluß aus dem Fachverband und damit das Verbot der weiteren Berufsausübung zur Folge.”

nach Merker 1934, S. 78

Im Berliner Sängerbund

Berliner Sängerbund vor dem Reichstag, 23.06.1935, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin

Die eigenen Berichterstattung des BSB gibt wenig Aufschluss darüber, welche Rolle der Verband zwischen 1933 und 1945 einnahm. Im Chorspiegel Nr. 47/ Mai 81 stoppt die Berichterstattung 1937 – „…und dann gehen auch im BSB die Lichter aus“ heißt es. Gleichzeitig ist natürlich bekannt, dass auch die Berliner Chöre nur als Mitglied in der Reichskulturkammer weiterhin wirken konnten. Viele Chöre traten u.a. aus dem Arbeiter-Sänge-Bund aus und in den BSB ein – gleichzeitg wurde das (Massen-)Singen mehr und mehr zu einem Propagandainstrument. Der Sängerbund zählte 1932 noch 283 Vereine mit ca. 11.000 Mitgliedern, 1939 war er auf 340 Vereine und etwa 14.000 Sänger angewachsen. Mit Kriegsbeginn endet die Erfassung dieser Zahlen.

Die Geschichten einzelner Chöre lassen sich rekonstruieren, in seinem Buch „Stimmen der Großstadt“ resümiert Habakuk Traber, dass ähnliche Geschichten wohl in vielen Chören zu erzählen wären, nur agierten einige von ihnen im Vorder- und andere eher im Hintergrund.

Singen nach Kriegsende

“Die Alliierten kamen nach Berlin, die Stadt wurde aufgeteilt. Die Russen erlaubten Bezirks- und Werkschöre. Noch bestand das allierte Koalitionsverbot. So konnten die Traditionschöre sich vorerst nicht neu konstituieren. Als oben erwähntes Verbot aufgehoben wurde, konnten viele frühere Chöre die Arbeit unter altem Namen wieder aufnehmen. Große Lücken hatte der Krieg in die Reihen der Sänger gerissen. Ein Neuanfang war überall schwer. Glücklich, wer einen Teil des Notenbestandes und, noch wichtiger, die Mitgliedsadressen retten konnte. Der Berliner Lehrergesangsverein, der Erk’sche Männgergesangsverein und die Berliner Liedertafel waren unter den ersten, die wieder “aktiv” wurden.“

Ernst Paschek: 100 Jahre Berliner Sängerbund. Ein Rückblick, S. 26

Mit dem allierten Koalitionsverbot nach Kriegsende gestaltete sich auch das Weitersingen der Chöre zunächst als schwierig. Als Erstes entstanden einige Bezirkschöre – hier trafen sich mitunter auch ehemalige Chöre unter anderem Namen – 1946 wurde das Koalitionsverbot aufgehoben. Mit der politischen Spaltung in Ost und West wurde die musikalische Zusammenarbeit zwischen Chören in beiden Teilen der Stadt erschwert, zunächst durfte man jedoch in der gesamten Stadt am Chorgeschehen teilhaben. 

1951 dufte der Berliner Sängerbund sich mit Lizenz der West-Alliierten unter seinem alten Namen neu gründen, im Folgejahr holte man die Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Bestehen nach.

Nun galt es, dem Sängerbund die größtmögliche Öffentlichkeit zu verschaffen. So erschien 1953 erstmals der Berliner Chorspiegel. Bis das Mitteilungsblatt regelmäßig erschien, dauerte es aber noch etliche Jahre.

„Zum Erscheinen des Berliner Chorspiegels“ in: Berliner Chorspiegel, Jahrgang 1953, 01. April, S. 3, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin

Aus alt mach neu?

Habakuk Traber führt in seinem Buch “Stimmen der Großstadt. Chöre zwischen Kunst, Geselligkeit und Politik” aus, dass man nach 1945 auch in der Chorszene zum Teil der Illusion aufsaß, “man brauche nur den braunen Schund zu tilgen und könne dort ansetzen und weitermachen, wo die Weimarer Republik endete” ( Traber, S. 176). Gemeint sind die Reformen, die die Nationalsozialisten angestoßen, auf den Weg gebracht und in ihrem Sinne genutzt hatten. Außer acht gelassen wurde dabei, dass diese Gedanken und Tendenzen, bereits zur Zeit der Weimarer Republik in Teilen auf dem nationalsozialistischen Gedankengut fußte, welches die Entwicklungen in den Folgejahren voranbrachte. Sichtbar wurde das etwa bei der “Nürnberger Sängerwoche”, die ab 1927 im Abstand von zwei Jahren zur Fortbildung von Chorleitenden stattfand, aber auch in Repertoirediskussionen. Zukunftsweisende Ansätze wie die Öffnung für gemischte Chöre oder neues Repertoire blieben aus.

Die Annahme, man müsse diese Entwicklungen nur vom “Staub des Nationalsozialismus” befreien, statt sie grundsätzlich zu überarbeiteten, führen dazu, fügten der Chorszene gerade gegenüber einer jüngeren Generation langfristigen Schaden zu, da man sich unter anderem nie von ideologischen Ideen der Volksgemeinschaft – etwa bei offenen Singen – befreien konnte.

“Die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte aber waren im buchstäblichen Sinne des Wortes eine Restaurationsperiode: Da wurde wiederhergestellt, was kaputt gegangen oder lädiert worden war, Worin aber Zerstörung und Beschädigung bestanden, davon hatten unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Gruppen sehr konträre Auffassungen. Deshalb stimmt das beliebte Wort vom `Neuanfang`zwar für Wirtschaft und Städtebau, für die Kultur aber nur zum Teil und in einem äußerlichen Sinn. Der Begriff transportiert ohnehin einen Mythos. Er spiegelt vor, daß man das Alte, Belastende abstreife und hinter sich lasse, um neu, quasi voraussetzungslos aufzubrechen. Genau das ging 1945 nicht. Es ging prinzipiell nicht, denn um einen geistigen Neustart finden zu können, hätte man sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen müssen, und zwar bis in die Details der eigenen Tätigkeit – auch als Chor. Der radikale Bruch war von den Organisatoren des Chorwesens nicht gewollt. Die rasche Neukonstitutierung der Verbände bdeudetete vor allem die Rettung der Vergangenheit, des Gewesenen – Restauration, Wiederherstellung eben. Daher der ständige Hinweis darauf, man knüpfe an dem an, was vor der nationalsozialistischen Regierungszeit gelegen hätte – als ob sich der DSB amals nicht mit starken Abteilungen und Argumenten auf der Wanderschaft in Richtung `nationaler`Staat bewegt hätte! Die Menschen aber waren nach 1945 nicht plötzlich andere, geläuterte. (…) Das ethische Gebot der Stunde hieß 1945 nicht `Neuanfang`, sondern Umkehr und Neubesinnung. Dazu aber hätten Schuld und Versagen eingestanden werden müssen. Das geschah kaum.”

Habakuk Traber: “Stimmen der Großstadt. Chöre zwischen Kunst, Geselligkeit und Politik”, S. 222 f.

Verbände - eine Gemengelage

Wie die Verbände hatten auch die Vereine ihre eigenen Erkennungszeichen, hier eine Auswahl an Ehren- und Anstecknadeln, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin, Foto: Stephan Röhl, 2025

DAS

Nicht nur der Berliner Sängerbund formierte sich nach Kriegsende in Berlin neu, auch andere Verbandsbestrebungen wurden wieder angegangen. So entschieden sich die Funktionäre des DAS nach 1945 für einen “Aufbau von oben” – sie wollten zunächst wieder die Struktur schaffen, ehe sie mit dem Anschluss von Chören gefüllt werden würde. 1947 wurde der DAS – nun “Deutscher Allgemeiner Sängerbund” – für das Gebiet der Trizone ( die Westzone) gegründet, 1949 folgte in der “Taberna” in der Hardenbergstraße die Gründung der Landesgruppe Berlin des DAS. Da der Deutsche Sängerbund kurz zuvor von den Allierten als nationalsozialistisch belastet verboten worden war, sah man sich als Nachfolger nicht nur des Deutschen Arbeiter-Sänger-Bundes, sondern auch des Deutschen Sängerbundes sowie des Reichsverbandes für Gemischte Chöre.

DSB

Nach Auflösung des Deutschen Sängerbundes per Befehl vom 20. Mai 1946 gab es auch unter den ehemaligen DSB-Chören den Wunsch wieder gemeinsam zu singen. Dies hatte zur Folge das parallel zur Gründung des DAS initiiert durch Funktionäre des DSB lokale Verbände neu gegründet wurden. Man verständigte sich dabei neu auf die Verpflichtung auf parteipolitische und konfessionelle Neutralität. Im Weiteren stellten Funktionäre der lokalen Verbände fest, dass der DSB in Fragebögen zur Entnazifizierung nicht unter den Naziverbänden auftauchte und längst nicht alle lokalen Verbände aus dem Vereinsregister gestrichen worden waren. Auf Gleichberechtigung pochend, stellte man beim Amtsgericht Stuttgart den Antrag, die Löschung des Schwäbischen und Deutschen Sängerbundes entsprechend rückgängig zu machen. Dem wurde am 19. Mai 1953 stattgegeben und der 1949 neu gegründete Deutsche Sängerbund folgte auf seinen 1862 gegründeten Vorgängerverband.

Kein Chorverband für Ostberlin

In Ostberlin wurde zunächst keine Chorvereinigung gegründet. Stattdessen wurden die Chöre – die “singenden Kollektive” unter das Dach einer Berliner Institution gestellt – der Berliner Volksbühne, die bereits in der Arbeiter-Singebewegung eine Rolle gespielt hatte.