Singen im geteilten Berlin

Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 wurde nicht nur die Neuordnung Berlins und Deutschlands manifestiert, viele Chöre verloren auch über Nacht bis zur Hälfte ihrer Sängerschaft, da diese plötzlich am Probengeschehen im anderen Teil der Stadt nicht mehr teilnehmen konnten.

Singen in West-Berlin

Mit dem Bau der Mauer war West-Berlin isoliert. Über Nacht hatten viele große Chöre ihre Sänger verloren und mussten diese Reihen nun wieder füllen. Die Chöre versuchten sich an Veranstaltungen zur Mitgliederwerbung, luden zu offenen Singen ein oder öffneten ihre Proben. Der Berliner Liedertafel gelang es beispielsweise, so ist es in der Festschrift zu 100 Jahren Sängerbund verzeichnet, innerhalb eines Abends so 60 neue Sänger zu akquirieren.

Die Situation der Isolation führte ebenfalls dazu, dass schnell eine Annäherung zwischen den Berliner Abteilungen des DSB und des DAS stattfand. So einigten sich die beiden Vorsitzenden Carl-Ludwig Susen und Klaus Scheithe im Mai 1968 auf eine Fusion der Landesverbände. An der Spitze des neuen Berliner Sängerbundes stand Susen als Präsident, Scheithe wurde 2. Vorsitzender, seine Mitarbeitende Gerda Krause zur 2. Schatzmeisterin gewählt. Vollzogen wurde die Fusion am 1. Januar 1969.

“Jetzt wollen sie gemeinsam singen” - Mitteilung über Vereinigung von Berliner Sängerbund und Deutschem Allgemeinen Sängerbund (Landesgruppe Berlin), Der Tagesspiegel, 18. Januar 1969, S. 11

Singende City

“Ganz Berlin ist ein Herz und eine Kehle” - B.Z., 09.06.1976

1976 feierte der Berliner Sängerbund sein 75-jähriges Bestehen – doch nicht nur das. Der Deutsche Sängerbund hatte darüber hinaus zur Singenden City zum 17. Deutschen Chorfest in die Stadt eingeladen. Vom 09. bis 13. Juni 1976 wurde gefeiert. Das Fest fiel politisch in eine Zeit, in der die SED die Festschreibung einer deutschen Zweistaatlichkeit verlangte und auch der Westen begann sich mit diesem dauerhaften Status auseinanderzusetzen, aber der Status Berlins als Vier-Mächte-Stadt bislang unangetastet blieb. Das Chorfest folgte ebenfalls auf erste Bestrebungen Ulrich Eckhardts, der 1974 das Amt des Intendanten der Berliner Festspiele übernommen hatte und darauf drang, sie nicht als “Schaufenster der freien Welt”, sondern als “Drehscheibe zwischen Ost und West” zu inszenieren.

Vor diesem politisch brisanten Hintergrund bot das 17. Deutsche Chorfest etwa 50 Konzerte und Chorauftritte in sozialen Einrichtungen, sowie die bereits proklamierte “Singende City” besteht aus elf Bühnen entland des Kurfürstendamms. Die Resonanz war riesig.

Das Konzept wurde später bei der Singenden, klingenden Stadt wieder aufgegriffen, dort wurde das Open-Air-Konzept aber zugunsten zusätzlicher indoor-Konzertlocations aufgebrochen. “Singen heißt Verstehen”, so das Motto des Chorfestes. Der erste Tag stand dabei ganz im Zeichen des BSB-Jubiläums, der folgende Tag war als “Partnerschaftstag” überschrieben.

Singen in Ost-Berlin

Vorstöße, auch in der DDR einen Chorverband zu gründen, stießen in den 1970er Jahren auf wenig Begeisterung. Stattdessen wurden die “singenden Kollektive” unter dem Dach einer Berliner Kulturinstitution versammelt – dem der Berliner Volksbühne. Später gab die Volksbüne die Betreuung der Chöre ab und diese wurden Unternehmen zugeordnet, aus deren Kulturfonds die Ausgaben der “Volkskünstler”, etwa für Notenmaterial oder Kosten für Proben und Reisen, finanziert werden konnten.

Nach 1950 gründeten sich in der DDR vermehrt Volkskunst-Ensembles, in denen meist ein Chor, ein Orchester und eine Tanzgruppe vereint waren, die mitunter auch zusammen auftraten. Teile ähnlicher Ensembles waren unter anderem der “Gemischte Chor ‘Ernst Moritz Arndt’ und der Chor der Humboldt-Universität zu Berlin, die heute beide noch bestehen.

besteht ebenfalls weiterhin - der Ernst-Busch-Chor, aus den Beständen des Ernst-Busch-Chores

Die Leistungsvergleiche

Bewertungsbogen der Leistungsvergleiche, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin

Alle Ensembles, die für ihre Auftritte Geld nehmen wollten, mussten ihr Können in der Regel im Abstand von drei Jahren bei Leistungsvergleichen vorstellen. Diese fanden auf Bezirksebene statt, wobei die Bezirke hier mit den Städten übereinstimmten, sodass der Vergleich auf Berlinebene dem auf Berliner Bezirksebene entsprach.

An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden wurden die Chöre aufgefordert in 20 minütigen Beiträgen einen Querschnitt ihres Repertoires vorzustellen – als Resultat wurden sie einer der drei Schwierigkeitsstufen – Grund-, Mittel- oder Oberstufe – zugeteilt. Während in diesen Vergleichen keine Platzierungen vorgenommen wurden, gab es für die Chöre Prädikate und Buerteilungen, die noch am Tag selbst von einer Jury mit einer Begründung dargelegt wurden. In Berlin bestand diese Jury aus zwölf Mitgliedern – Chorleiter, Komponisten und Vertretende der Trägerorganisationen – die von der Bezirksarbeitsgemeinschaft (BAG) Chor und dem Berliner Haus für Kulturarbeit berufen wurden.

Aus westlicher Perspektive wurden diese Leistungsvergleiche, die in den 1960er Jahren per Gesetz eingeführt wurden, zum Teil kritisiert, die beteiligten Chöre praktizieren sie aber in der Mehrheit als bekannte gewohnheit und “stellten in ihren Erfahrungsberichten nicht die materielle Seite der ‘Vergütungsberechtigung’ in den Mittelpunkt, sondern die Ratschläge zur künstlerischen Weiterentwicklung” (Traber, S. 232).

Das Berliner Haus für Kulturarbeit

Übersicht wichtiger Bezirksveranstaltungen des BHfK, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin

Am 05. Januar 1953 gegründet als “Berliner Volkskunstkabinett” wurde mit der Einrichtung der Institution beabsichtigt, die Berliner Volkskunstbewegung zu zentrieren und fördern, die vorher beim Volksbühnenverein, der Abteilung Volksbildung des Magistrats und der Zentralverwaltung für Inneres betreut worden war. Das künstlerische Volksschaffen sollte hier sowohl ihaltliche als auch fachlich-methdodische Unterstützung erfahren, Kunstschaffende hatten die Möglichkeit, sich Rat zu holen und Weiterbildungsangebote wahrzunehmen. 1954 wurde erstmals auch eine Pflichtregistrierung eingeführt.

Dem Stadtrat für Kultur des Magistrats von Berlin unterstellt, erhielt das Berliner Haus für Kulturarbeit (BHfK) seine Anweisungen vom Zentralhaus für Kultur der DDR in Leipzig und reichte sie selbst an die Kreiskulturkabinette weiter.

Eine enge Zusammenarbeit pflegte das BHfK zu anderen gesellschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Einrichtungen der Stadt.

Das BHfK bestand bis zu seiner Auflösung 1991.

Auch eine Wende im Chorleben

“Am 18. Januar 1992 war der Vereinigungsprozeß (sic!) der Berliner Chöre abgeschlossen. Im Berliner Sängerbund sind nun 170 Chöre aus Ost und West-Berlin zusammengeschlossen. Durch die einstimmigen Nachwahlen der Ostberliner Vertreter im BSB haben alle Deligierten unserer Chöre den Wunsch nach Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit dokumentiert. Nachdem nun alle äußeren Hindernisse ausgeräumt sind, kann das innere Zusammenwachsen, das gegenseitige Verstehehn der noch sehr unterschlichen aus der Historie gewachsenen Einstellungen und Probleme mit Elan und Fingerspitzengefühl beginnen. Wir freuen uns sehr, nun unter einem Dach vereint zu sein und begrüßen herzlich alle neuen Mitglieder.”

Reinhard Stollreiter in: Berliner Chorspiegel Nr. 84, März 1992, S. 3

  • 19.11.1989 erstes Gesamtberliner Chorkonzert findet in der Philharmonie statt – Beteiligte Ost: Berliner Vokalkreis, Chor der Humboldt-Universität, Kantorei der Domgemeine, Beteiligte West: Berliner Liedertafel, Berliner Mozart-Chor, Luisen-Vocalensemble, Spandauer Jugendchor
  • 05.-07.01.1990 erste gesamtdeutsche Chorkonferenz in Berlin unter Regie des Berliner Sängerbundes
  • 01.03.-06.04.1990 Gesamtberliner Chortage im Prater unter Regie von Berliner Sängerbund und Berliner Haus für Kulturarbeit
  • 26.05.1990 Gründung des Chorverband Berlin / DDR als Vertretung der Ostberliner Chöre mit Peter Vagts als Vositzendem – gleichzeitige Lösung der Chöre von Betrieben und Organisationen, Anschluss an Dachverband “Singen im Chor”
  • 05.07.1989 Eintragung des Chorverbandes in Vereinsregister Berlin-Mitte
  • 03.10.1990 Einigungsvertrag tritt in Kraft, Ost- und West-Berliner Chorvereinigung öffnen sich Chören der anderen Organisation
  • 19.10.1990 Chorverband Berlin wird in Deutschen Sängerbund aufgenommen und damit endgültig dem Berliner Sängerbund gleichgestellt
  • 18.01.1992 Zusammenschluss unter dem Namen “Berliner Sängerbund”, nachdem am 14.11.1991 der Sängerbund und am 14.12.1991 der Chorverband Berlin dafür votiert wurde
  • 28.03.1992 erste Gesamtberliner Jahreshauptversammlung inkl. Wahl – Vorsitz: Reinhard Stollreiter, Stellvertretung: Peter Vagts

s. Habakuk Traber: “Stimmen der Großstadt. Chöre zwischen Kunst, Geselligkeit und Politik, S. 194 ff.

erstes Gesamtberliner Chorkonzert am 19.11.1989, aus den Beständen des Chorverbandes Berlin

„So hat der Wahlspruch des Berliner Chorfestes von 1976 neue Aktualität gewonnen: ‘Singen heißt Verstehen’. Der Berliner Sängerbund konnte kurz nach Grenzöffnung ein erstes ‘deutsch-deutsches Chorkonzert’ in der Philharmonie arrangieren. Choraustausch, Chorbegegnung, gemeinsames Musizieren – das sind die Momente, wo endlich die ‘normalen’, nicht durch Reisemöglichkeiten schon zuvor privilegierten Menschen zum Zuge kommen, Momenten, die am schnellsten die unzerstörbaren Brücken schlagen, die jetzt gebraucht werden.”

Andreas Bomba in “Lied & Chor 1990: Die erste deutsch-deutsche Chorkonferenz”, S. 50

“Große Freude über das musikalische Miteinander” - Bericht über deutsch-deutsche Chorkonferenz und Abschlusskonzert von Regine Leistner in der Berliner Morgenpost, 9. Januar 1990, S. 9

Eine Wiedervereinigung

“Die Feierlichkeiten um den 3. Oktober haben uns da einen großen Schritt vorangebracht: Bei keinem Festakt, bei keinem Deutschland-Fernsehabend fehlten die Chöre. Beethovens Neunte im Berliner Schauspielhaus vereinigte Berliner Ensembles mit dem Leipziger Rundfunkchor, der auch anderntags in der Philharmonie gemeinsam mit der Gächinger Kantorei sang. Und die ARD brachte das Kunststück fertig, mitten aus den Freudenklänge Beethovens hinüber in den Harz auf den Brocken zu schalten, wo der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode mit einigen Versprengten aus den Chören unter Leitung von Gotthilf Fischer Volkslieder sang. Die vereinigte Breite des Möglichen – eindrucksvoller, ernüchternder ist sie nicht zu beschreiben.”

Andreas Bomba: Wohin mit den “Errungenschaften”? Chöre in der (nun ehemaligen) DDR in: Jahrbuch Deutscher Sängerbund, S. 31

Verbündete (?)

Nach 1990 fanden erste Kontakte auch jener Chöre statt, die es als “Doppelgänger” in Ost und West gab – und zum Teil bis heute gibt. So berichtete der West-Berliner Lehrerchor aus seiner Jahreshauptversammlung im März 1990 von dem Wunsch der Sänger:innen, mit den singenden Lehrer:innen im anderen Teil der Stadt Kontakt aufzunehmen. Dies führte zu einem Telefongespräch, am 2. April 1990 folgte eine erste Begegnung, dann wurden Proben des jeweils anderen Chores besucht.

Auch anderswo trat man in Austausch, Am 24. Mai 1991 feierte die West-Berliner Sing-Akademie ihr 200jähriges Bestehen. In seiner Ansprache garantierte der Kultursenator Ulrich Roloff-Momin beiden Akademien ihr Fortbestehen. Achim Zimmermann, Direktor der Berliner Singakademie nutze die Gelegenheit und gratulierte mit einem Blumenstraß dem Direkter der Sing-Akademie zu Berlin Hans Hilsdorf. Ziel war wohl, beide Singakademien zu ‘künstlerischen Verbündeten’ werden zu lassen. Vorgespult bis zur Verleihung der Geschwister-Mendelssohn-Medaille im Jahr 2019 sprechen die beiden Chöre mittlerweile wirklich von einer freundschaftlichen Verbundenheit, die sich, so Achim Zimmermann, auch dadurch zeige, dass man darauf achte, nie identische Programme aufzuführen.

Wieder andere Chöre, die durch den Bau der Mauer getrennt worden waren, “wuchsen wieder zusammen”. Als Beispiel sei hier der Johannische Chor Berlin genannt. Gegründet kurz nach dem Krieg im Jahr 1949 als “Jugendchor der johannischen Kirche”, wurde aus dem Ostberliner Teil des “Johannischen Chores Berlin”, zunächst der “Konzertchor der Johannischen Kirche in der DDR” und später der “Kammerchor Berlin Kaulsdorf”. Im Herbst 1999 fanden beide Chorteile wieder zusammen und wurden als Fusion erneut zum “Johannischen Chor Berlin”.

 

Übergabe der Geschwister-Mendelssohn-Medaille an die beiden Singakademien, Foto: Bodo Gierga | v.l.n.r.: Petra Merkel, Friedemann Beyer (Vorsitzender Sing-Akademie zu Berlin), Kai-Uwe Jirka, Wolfgang Erlat, Achim Zimmermann, Liane Kaven (Vorsitzende der Berliner Singakademie), Carsten Albrecht

Repertoirepflege

Der Chor (L)OSTsongs unter Leitung von Kati Faude, Foto: SHF/ Stefanie Loos

Ist mit der Wende auch das DDR-Liedgut verschwunden? Auch wenn sich hier sicherlich nicht pauschal urteilen lässt, ist es außer Frage, dass viele der Lieder, denen mitunter auch ein politischer Gedanke innewohnt, nicht mehr regelmäßig gesungen haben. Sie werden lediglich durch Zeitzeug:innen weitergetragen, doch auch in vielen Chören hat ein Generationswechsel stattgefunden, sodass gerade im Bereich der populären Lieder der DDR ein gewisser Schwund verzeichnet werden kann. Der Berliner (L)OSTsongs hat sich vorgenommen, dem entgegenzuwirken. Unter Leitung von Chorgründerin Kati Faude widmen sich die Mitglieder, die zur Hälfte die Zeit bis 1990 gar nicht mehr miterlebt haben oder im ehemaligen Westteil der Stadt bzw. Deutschlands aufgewachsen sind, dem populären Liedgut der DDR und wirken dem Vergessen entgegen.

Exkurs

Ein Deutsch-Deutscher Kammerchor

Chor als ein gezielt deutsch-deutsches Projekt? Das dachten sich im Frühjahr 1989 – also noch vor dem Fall der Mauer – Studierende der Kirchenmusikschulen in Halle/Saale und Herford/Westfalen. Sie trafen sich im Rahmen einer Hochschulpartnerschaft für einen ersten Austausch, weitere Begegnungen folgten. Der November ‘89 eröffnete neue Möglichkeiten – man organsierte eine erste gemeinsame Reise durch Norddeutschland für den Sommer 1990. Heute trifft der Chor sich jährlich – auch der Gedankenaustausch über Ost und West über das Musizieren ist erhalten geblieben, sodass der Deutsch-Deutsche Kammerchor auch noch heute seinem Namen treu bleibt und alle Ehre macht. Die Mitglieder sind in der Kirchenmusik, aber auch in anderen Bereichen zu Hause, Studierende sind ebenfalls weiterhin dabei.

Pressefoto Deutsch-deutscher Kammerchor, Neustadt a. d. Weinstraße Foto: Jannis Justus Schäper