Damals& heute
Die Begeisterung für das gemeinsame Singen ist geblieben, der Chorverband Berlin zählt Stand 2026 über 12.000 Mitglieder in über 350 Chören.
Die letzten Jahrzehnte waren von Öffnungsprozessen und Veränderungen geprägt, mittlerweile wurden Repertoires erweitert, die Chöre für gemischte Besetzung geöffnet und nicht zuletzt konnte der Verband einen Mitgliederaufschwung verzeichnen. Auf einige Punkte soll im Folgenden eingegangen werden.
Öffnungsprozesse
(Nicht) Nur für Männerchöre
Als der Berliner Sängerbund 1901 gegründet wurde, war an die Mitgliedschaft von Frauen- oder gemischten Chören nicht zu denken. Sie wurden per Satzung ausgeschlossen. Spätere Bestrebungen, diese Ensembles in die Sängerbünde mit aufzunehmen, wurden im Keim erstickt – dies wurde u.a. mit der Konkurrenzfähigkeit der Chöre begründet, aber auch mit Unterbringungen bei Großveranstaltungen, Reisemodalitäten und weiterem, sodass Frauen maximal “begleitende” Aufgaben zukamen. Damit standen die Vereinigungen nicht nur gegenüber Nachbarländern zurück, es waren auch schon bestehende gemischte Chöre per Satzung von der Aufnahme ausgeschlossen – das betraf unter anderem die seit 1791 bestehende Sing-Akademie zu Berlin. Erst 1932 wurde seitens des Deutschen Sängerbundes der Weg für die Aufnahme von Frauen freigemacht. Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits seit 26 Jahren als Mitglieder des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes zugelassen. Beinahe gleichzeitig wurden Gemischte Chöre und Männerchöre in der Reichsmusikkammer strikt getrennt, sodass sich die Folgen dieser Regelung für den Deutschen Sängerbund erst nach Kriegsende zeigten.
Heute finden sich im Verband noch 15 reine Männerchöre, 32 Frauenchöre und über 200 gemischte Chöre. Der Wandel ist hier deutlich zu erkennen. Auch innerhalb der gemischten Chöre ist der Anteil von Frauen häufig wesentlich höher als der der Männer.
Chorsingen - (auch) ein Politikum?
Bis heute gibt es – nicht nur im Chorverband Berlin – eine Tradition des politischen Liedes und politischer Chöre. Zu nennen ist hier unter anderem der Berliner Hanns Eisler Chor, der sich 1972/73 aus vor allem linksgerichteten Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit der Zielsetzung formierte, die Tradition des politischen Liedes fortzusetzen.
Dies führte unter anderem beim Aufnahmegesuch zum Eintritt in den Berliner Sängerbund zu Auseinandersetzungen, da der Verband politisch, religiös und konfessionell neutral aufgestellt war und bis heute ist.
Um die Tradition, an die anzuknüpfen versucht wurden, zu verstehen, sei allerdings geschichtlich ein wenig früher angesetzt:
Die Berliner Chöre speisten sich aus drei großen Gruppen – den Sängern des Bürgertums, die sich später hauptsächlich im neuen Berliner Sängerbund wiederfanden und die vor allem dem im liberalen und konservativen Spektrum verortet waren, den Sängern der Arbeiterschicht, meist sozialdemokratisch verankert und später in großen Teilen im Deutschen Arbeiter-Sängerbund organisiert und den Sängern in Werkschören von Unternehmen, die in der Regel unpolitisch blieben. Hier standen sich verschiedene Strömungen gegenüber. Während der Arbeitersängerbund sich 1933 auflöste, konnten die Chöre nach Kriegsende schnell wieder an alte Traditionen anknüpfen, kehrten allerdings nicht zu den Mitgliederzahlen von vor dem Krieg zurück. Später fand man den Weg zusammen. Nachdem 1968/68 der Westberliner Sängerbund und DAS bereits zu einem Verband geworden waren, fusionierten der Deutsche Sängerbund und der Deutsche Arbeiter-Sänger-Bund auf Bundesebene im Jahr 2005.
Der Hanns-Eisler-Chor übrigens versuchte nach einem ersten gescheiterten Aufnahmegesuch im Jahr 1973 erst elf Jahre später erneut sein Glück. 1984 wurde der Chor mit knapper Mehrheit in den Verband aufgenommen.
Stell dir vor - ich sing im Kinderchor!
Als nach Kriegsende die Berliner Chorarbeit wieder aufgenommen wurde, galt der Fokus nicht mehr dem nationalistischen, sondern dem europäischen Gedanken – und der Zusammenhalt wurde vorangestellt. Mit dieser neuen Ausrichtung schlug auch die Stunde der Kinder- und Jugendchöre – neben Chören aus kirchlichen Kontexten und dem Berliner Mozartchor, den es bereits seit 1922 gegeben hatte, entstanden in dieser Zeit viele weitere – etwa direkt 1945 der Berliner Kinderchor, der Rundfunk-Kinderchor 1955 oder der Clara-Schumann-Kinder- und Jugendchor im Jahr 1981.
Angeknüpft wurde in dieser Zeit an die Gedanken und Traditionen der Jugendmusikbewegung – im Fokus standen hier vor allem Komponist:innen, die sich vom Nationalsozialismus distanziert hatten – auch um den völkischen Tendenzen, die Teilen der Jugendmusikbewegung immer angehaftet hatten, etwas entgegenzusetzen.
Heute sind unter dem Dach des Verbandes auch 43 Kinderchöre und 24 Jugendchöre organisiert, es besteht Kontakt zu kirchlichen Verbänden und in die Berliner Schulnetzwerke hinein.
Singen - auch bis ins hohe Alter
Aktuell zählt der Chorverband Berlin 15 Seniorenchöre – und ist der einzige Landesverband im Deutschen Chorverband, der diese in einer extra Kategorie verbunden mit geringeren Mitgliedsbeiträgen in seinen Übersichten führt. Als Seniorenchöre gelten Chöre, deren Mehrheit an Mitgliedern über 60 Jahren alt ist – wobei die Chöre den Wechsel in die Kategorie eigenständig beantragen und dies nicht automatisch passiert, da einige Chöre – häufig begründet durch Außenwirkung in der Mitgliederwerbung – es vorziehen, unabhängig vom Durchschnittsalter weiter als gemischte Chöre bzw. Frauen- oder Männerchöre gelistet zu werden.
Ähnlich wie die Kinder- und Jugendchöre, entstanden in den Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges auch viele Seniorenchöre – vor allem als “Ostdeutsches Phänomen”. So gab es im Westen durchaus Chöre, die in die Kategorie gefallen wären, mit einem gewissen Stolz sich selbst als Seniorenchöre bezeichneten sich aber in erster Linie ostberliner Chöre, so unter anderem ProMusica Treptow, der Chor der fröhlichen Rentner und der Seniorenchor Hermann Duncker – heute die Berliner Singegemeinschaft “Märkisches Ufer”. Auch die Mitgliederlisten von Seniorenchorfest im Britzer Garten und dem Seniorenchortreffen, das unter anderem etliche Jahre in den Räumlichkeiten der Landesmusikakademie Berlin stattfanden, zeigen, dass die (ehemals) Ostberliner Chöre hier vorangingen. Zu vermuten ist, dass diese höhere Zahl an Seniorenchören in der ehemaligen DDR sich durch die Tradition der Veteranenchöre begründen lässt, in denen – wie beispielsweise der Ernst-Busch-Chor – ehemalige Teilnehmende von Militäreinsätzen weiter in Kontakt und Austausch blieben.
Andere Kulturen - "andere" Chöre?
Berlins Entwicklung hin zur Großstadt, bedeutete eine – auch musikalische – Zuwanderung. Migrant:innen, die mit anderen Muttersprachen als Deutsch nach Berlin kamen, fanden sich – wenig verwunderlich – zunächst in eigenen Chören zusammen. Diese Chöre, die rein die musikalische Tradition ihrer Heimatländer pflegen, sind im Verband dennoch in der Unterzahl – zu nennen wären hier beispielsweise der Frauenchor Água na Boca, die Bulgarian Voices, die Chöre Coro Contrapunto und Coro EntreVoces oder der Frauenchor Ayabás. Gleichzeitig sind diese Chöre in der Regel offen für alle Interessierten unabhängig von deren Herkunft. Viel mehr sind Chöre entstanden, die den kulturellen Austausch pflegen, etwa der Deutsch-Französische oder Deutsch-Spanische Chor. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass es auch in der restlichen Berliner Chorlandschaft – vor allem in den Kinder- und Jugendchören – einen wachsenden Anteil migrantischer Mitglieder gibt.
Das bisschen Pop...
Die Jahrzehnte nach Kriegsende brachten auch musikalische Neuerungen mit sich – so wurde vor allem die junge Generation verstärkt von amerikanischen und britischen Einflüssen aus Jazz, Rock und Pop geprägt. Im Sängerbund zeigte man sich davon zunächst aber unbeeindruckt. Die Öffnung des Repertoires fand erst ab den 80er Jahren “gezwungenermaßen” statt, als den Chören der junge Nachwuchs auszubleiben drohte. Zunächst wurde das mit Skepsis beobachtet – waren seit den 60er-Jahren bereits erste Chören mit einem Gospel- und Spiritual-Repertoire aktiv, entstanden in den 80er Jahren die ersten “eigentlichen” Berliner Pop- und Jazzchöre. Zu nennen sind hier “The Happy Disharmonists”, die “Village Voices” – hier mit „Take Me Home“ von Pentatonix im Video (12/10/2016) – und “Fleeting Glance”, die als Pioniere vorangegangen sind. In der Zwischenzeit ist die Bedeutsamkeit von Popchören deutlich gewachsen. Längst sind sie mit eigenen Kategorien auch aus Wettbewerben und Weiterbildungen nicht mehr wegzudenken.
Neue Perspektiven - Queere Chöre
Bereits in den 70er Jahren entstanden in den USA erste “Gay Mens’ Choruses”, unter anderem 1977 der Stonewall Chorale als erster schwul-lesbischer Chor des Landes, der San Francisco Gay Men’s Chorus im folgenden Jahr und weitere zwischen 1979 und -81. Die Bewegung, Chöre zu gründen, die sich durch die sexuelle Identität bzw. Orientierung der Mitglieder definierten kam in den 80er-Jahren auch nach Deutschland. Im September 1969 war die Homosexualität zwischen Männern in Deutschland entkriminalisiert worden, 1979 fand in Berlin der erste Christopher Street Day statt. Und 1987 wurde mit dem Schwulen Männerchor Berlin – heute Männer-Minne – der erste sich als homosexuell definierende Chor der Stadt gegründet.
Ein bestimmtes Repertoire oder auch eine bestimmte Besetzung gingen und gehen mit der Gründung der queeren Chöre nicht einher, sondern sind diesem viel mehr nachgeordnet – aber natürlich ebenso Teil der choreigenen Identität. Gleichzeitig zeichnet die queeren Chöre – die sich allem voran den sozialen Zusammenhalt zu Ziel und Inhalt des Ensembles gemacht haben – ein besonders starkes auch über Stadt- und Ländergrenzen hinausgehendes Netzwerk aus. Angeführt sei hier die LEGATO European Association of LGBTQ+ Choirs, die unter ihrem Dach 143 Chöre mit 5500 Singenden aus 24 Ländern vereint.
Gerade die schwulen Chöre fanden sich von Anfang an in der Auseinandersetzung zwischen dem Anknüpfen an die Tradition der Männerchöre und der gleichzeitigen Abgrenzung von Vorstellungen der Heteronormativität. Dass das – auch in Aushandlung mit anderen Chören – komplex sein konnte, zeigt der langwierige Aufnahmeprozess der heutigen Männer-Minne in den Verband 1988.
“Im Februar 1987 haben ca. 30 schwule Männer in Berlin einen Chor gegründet und haben sich den Namen “MÄNNERMINNE” gegeben. Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, daß wir Männer lieben (Minne = liebend gedenken) und dies durch unseren Gesang darstellen.”
Berliner Chorspiegel Nr. 68, März 1988, S. 10
Mitgliederzuwachs
Schaut man sich die Entwicklung der Mitgliederzahlen des Chorverbndes Berlin an, ist ein deutlicher Aufwärtstrend zu erkennen. Nach einem Einbruch der Mitgliederzahlen während der Zeit der Coronapandemie ist ein gesteigertes Interesse an Netzwerk und Austausch im Berliner Chorwesen zu erkennen.
Auffällig sind beim Betrachten des Diagramms auch noch mindestens drei andere Werte. Zu nennen ist zunächst die Spitze an Mitgliederzahlen im Jahr 1939. Diese liegt darin begründet, dass Chöre gezwungen waren Mitglied der Reichsmusikkammer zu werden, wollten sie weiter öffentlich auftreten. Die Männerchöre wurden dort durch den BSB vertreten. Gleichzeitig wurde das (Massen-)Chorsingen zunehmend auch als Instrument der Propaganda verwendet.
Der Tiefstwert 1961 und sprunghafte Anstieg zur Wendezeit korrelieren miteinander. Bis 1961 wurden im BSB die Gesamtberliner Mitgliederzahlen erfasst, nach dem Bau der Mauer wurde nur noch die Anzahl der Westberliner Chöre gezählt. Erst mit der Vereinigung der Ost- und Westberliner Chorvereinigungen als BSB 1992 traten viele Ostberliner Chöre wieder dem Berliner Sängerbund bei.
Heute zählt der Chorverband Berlin (Stand 03/2026) über 12.000 Mitglieder in über 350 Ensembles.