Sonntagskonzertreihe 2026 - Rezensionen
Sonntagskonzert Nr. 1 | EINS - ZWEI - FÜNF
Im ersten Sonntagskonzert des Chorverbands Berlin entfaltete sich mit „1-2-5“ ein klug konzipiertes sowie musikalisch vielfältiges Programm, das einen gelungenen Auftakt der Reihe im Jubiläumsjahr zum 125-jährigen Bestehen des Verbands darstellte. Der Kammerchor Canzoneo, das Luisen-Vocalensemble und die gropies berlin präsentierten sich dabei nicht als lose aufeinanderfolgende Ensembles, sondern als drei Chöre mit einem gemeinsamen künstlerischen Anliegen, das konsequent durch den gesamten Konzertverlauf hindurch getragen wurde.
Das Herzstück des Konzerts bildete die Auftragskomposition „1-2-5“ von Frank Schwemmer, die den programmatischen Gedanken des Nachmittags auf eindrückliche Weise bündelte. Die Wahl von Textfragmenten aus Psalm 125 erwies sich als ebenso stimmig wie die musikalische Durchdringung der titelgebenden Zahlenfolge: Das aus den Stufen 1, 2 und 5 entwickelte Motiv – zu Beginn der Uraufführung klar exponiert – wirkte wie ein genetischer Code, der sich in unterschiedlichsten Erscheinungsformen durch das gesamte Konzert zog. Harmonisch, melodisch, metrisch und textlich wurde diese Grundidee immer wieder neu beleuchtet und bildete in Form von Improvisationen Übergänge zwischen den einzelnen Teilen des Konzerts.
Die gropies berlin (Leitung: Simon Berg) setzten mit ihren Arrangements von Volksliedern und Pop-Titeln markante Akzente. Ihr Beitrag verlieh dem Programm nicht nur Schwung, sondern auch inhaltliche Tiefe. Besonders eindrucksvoll gelang dies in Oliver Gies’ Arrangement von „Kein schöner Land“: Ausgehend vom vertrauten Volkslied öffnet sich der Text zu einer zeitgenössischen Reflexion über Toleranz und Weltoffenheit. Die Aufforderung, die Heimatliebe aller Menschen anzuerkennen und Verantwortung für den gemeinsamen Lebensraum Erde zu übernehmen, wurde musikalisch klar und eindringlich vermittelt. Mit Humor und großer Präsenz präsentierten die gropies berlin auch „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“, dessen Arrangement bekannte Melodien aus der klassischen Musik aufgriff und beim Publikum für hörbare Heiterkeit sorgte.
Passend dazu folgte der Kammerchor Canzoneo unter der Leitung von Nils Jensen mit „Name that tune“, in dem das Publikum erneut eingeladen war, berühmte Melodien wie das Torero-Motiv aus Bizets Carmen oder den Beginn von Beethovens Fünfter Sinfonie zu erkennen – und schließlich, passend zum Jahresbeginn, in augenzwinkernde Neujahrskonzertstimmung versetzt wurde, als das Hauptmotiv aus der „Schönen blauen Donau“ erklang.
Eine besonders spannende Facette des Programms bildete „Laudate Domino“ von Marek Raczyński, dem in Deutschland bislang wenig bekannten polnischen Komponisten. Das Luisen-Vocalensemble interpretierte das Werk unter der Leitung von Kalina Marszałek-Dworzyńska mit vorbildlicher Intonation, großer Transparenz und einem beeindruckend homogenen, ausgewogenen Chorklang. Gerade in der feinen Abstufung der dynamischen Verläufe und der Klarheit der Stimmführung wurde die Qualität von Chor und Komposition deutlich hörbar.
Einen schwungvollen und zugleich verbindenden Auftakt zur zweiten Konzerthälfte bildete „Nyon Nyon“ des US-amerikanischen Komponisten Jake Runestad, das von allen drei Chören gemeinsam dargeboten wurde. Bereits zu Beginn wurde deutlich, wie selbstverständlich sich die Sänger:innen auf den rhythmischen Charakter des Stücks einließen. Überzeugend gelangen die große dynamische Flexibilität sowie die Bandbreite an Klangfarben. Leichte, individuelle Bewegungen der Sänger:innen verliehen dem Stück einen hörbar federnden Gestus und machten den schwungvollen Charakter der Musik auch sichtbar.
Ein weiterer Höhepunkt aus dem Repertoire von den gropies berlin war „I Sing, You Sing“. Besonders wirkungsvoll war die humorvolle Choreographie, die das Stück auf der Bühne lebendig machte und die Interaktion zwischen den Sänger:innen charmant in Szene setzte.
Seine beeindruckende stilistische Vielseitigkeit stellte der Kammerchor Canzoneo unter Beweis, der nach Volkslied- und klassischen Arrangements der ersten Hälfte mit dem Medley (Songs von Die Ärzte) und Viva la Vida Arrangements von Oliver Gies und Jens Johansen präsentierte.
Ein besonderer „Shoutout“ gilt zudem den Tenören und Bässen. Obwohl die tieferen Stimmen in allen drei Chören zahlenmäßig deutlich unterrepräsentiert waren, gelang es den Sänger:innen und Chorleitenden jeweils, einen ausgewogenen und harmonisch gut ausbalancierten Chorklang zu gestalten.
Dieses Sonntagskonzert zeigte eindrucksvoll, wie fruchtbar gemeinsames Denken, eine vielseitige Programmgestaltung und hohe musikalische Qualität zusammenwirken können und ein erfüllendes Konzerterlebnis für Publikum und Ausführende gleichermaßen schaffen. Ein Nachmittag, der lange nachhallt – und der dem Chorverband Berlin zum Jubiläum kaum ein passenderes Geschenk hätte machen können!
Rezension: Friederike Stahmer
Sonntagskonzert Nr. 2 | FLUCHT HOFFNUNG HEIMAT
Der neue chor berlin steht schon auf der Bühne im Kammermusiksaal der Philharmonie, als der Berichterstatter hineindarf – im Berliner Winter ist es nicht immer einfach, pünktlich zu sein. Verpasst hat er den «Song of Peace» auf den Choral aus Sibeliusʼ «Finlandia»; warmer Applaus für Sverre Berghs anspruchsvolles Stück «And death shall have no dominion» erleichtert es ihm, an seinen Platz zu schleichen. Unübersehbar auf den Chorsitzen: die bunte Kleidung des Hanns Eisler Chors Berlin und die blauen Chormappen von con forza Kreuzberg.
Der zweite Nachmittag in der Sonntagskonzertreihe des Chorverbands Berlin stand unter dem Motto «Flucht, Hoffnung, Heimat». In der durchdachten Programmfolge beleuchtete es jeder Chor auf eigene Weise. Der neue chor berlin betonte Reue und Widerspruch mit William Byrds Motette «Emendemus in melius», den «Five Ways to Kill a Man» von Bob Chilcott und Benjamin Brittens «Advance Democracy» – unter der Leitung von Anastasiia Sidorkina nahm er die rhythmischen Hürden souverän und in kontrolliert geführtem Klang. con forza Kreuzberg betonte das Thema Heimat mit Abbie Betinisʼ «Be Like the Bird» und dem Brahms-Arrangement «O wüsstʼ ich doch den Weg zurück», das Pianistin Insa Bernds mit klarem, sensiblem Spiel begleitete. Es folgten «Karlı kayın ormanında» von Ömer Zülfü Livaneli, «Mu Ruoktu Lea Mu Váimmus» von Nils-Aslak Valkeapää und Sarah Quartels mitreißendes «Sing, My Child». Die Conga-Begleitung übernahm Dirigentin Yael Front, ohne die Sänger:innen aus dem Blick zu nehmen – auch sie führte ihren Chor differenziert und mit genauen, motivierenden Gesten.
Nach den beiden Kammerchören trat der Hanns Eisler Chor Berlin in Oratorienstärke und mit robustem Klang an. Sein Programm nahm Heimat als Ort in den Blick, an dem sich Hoffnung auf ein besseres Leben festmacht. Yael Front leitete das erste Stück «Halicha LeʼKesaria» von David Zehavi, dann übernahmen Christina Hoffmann-Möller und Susanne Jüdes. Der Weg ging von Schumann-Eichendorffs «In der Fremde» – samt Eislers bitterem komponierten Kommentar – über die Brecht-Vertonungen «Und ich werde nicht mehr sehen» (Eisler) und «Vom Glück» (Hartmut Fladt) sowie Schönberg-Pfaus «Flüchtlingssonett» zu der Montage «abgewickelt – aufgerollt», die Susanne Jüdes aus der Sammlung «Neue deutsche Volkslieder» von Eisler und Johannes R. Becher zusammengeschnitten hatte. Brecht-Eislers «Ballade vom Wasserrad» entwarf ein Bild des Widerstands, bevor alle Chöre sich zu Brechts «Kinderhymne» auf Beethovens Götterfunken-Melodie vereinten – und zur bejubelten Zugabe «Herrlich zu leben» aus dem GRIPS-Musical «Linie 1».
Rezension: Friedrich Sprondel
Sonntagskonzert Nr. 3 | Weitersingen - Überleben
…unter diesem Titel präsentierten im Sonntagskonzert am 15.3. vier hervorragende Chöre ein gelungenes Programm: Der KAMMERCHOR BERLIN (Leitung: Jörg Genslein), das Vocalensemble Acanto (Helga Delgado), der ‘HXOS Chor Berlin (Stelios Chatziktoris) sowie der Junge Frauenchor Berlin (Sabine Wüsthoff).
Wer schon einmal ein Sonntagskonzert vorbereitet hat, weiß, welche organisatorische Leistung hinter der gemeinsamen Konzeption von üblicherweise drei Chören steckt. Umso bemerkenswerter ist das Zusammenwirken von gleich vier Ensembles. Dabei wurde nicht nur nacheinander, sondern in unterschiedlichsten Besetzungen miteinander musiziert. Der gemeinsame Planungs- und Probenprozess erfüllt in besonderem Maße den Grundgedanken der Reihe: Chöre vernetzen sich, entwickeln gemeinsam eine künstlerische Idee, lernen von- und miteinander und inspirieren sich gegenseitig.
Die Konzeption ‚WeiterSingen – ÜberLeben!‘ beleuchtete, wie politische, soziale und kulturelle Umbrüche das Singen geprägt, gefährdet und zugleich immer wieder neu ermöglicht haben.
Eröffnet wurde das Konzert mit „Verleih uns Frieden“ in einem eindrücklichen Arrangement von Sabine Wüsthoff. Nah an der Botschaft des Textes wechselte die Komposition zwischen improvisatorischen Passagen sowie gesprochenen und gesungenen Abschnitten. Neben der musikalischen Gestaltung beeindruckte besonders die durchdachte Choreografie, mit der die Chöre beim Singen die Bühne und die Ränge des Kammermusiksaals einnahmen.
Der KAMMERCHOR BERLIN gestaltete den ersten Programmteil mit vier Werken, die die inhaltliche Konzeption eindrucksvoll unterstrichen. Einen klanglich fein austarierten und intonatorisch überzeugenden Auftakt bildete H. Koesslers Chor-Lied „Einsamkeit“. Wolf Biermanns „Ermutigung“ im eingängigen Arrangement von P. Mayers sorgte für besondere Resonanz beim Publikum. Der zeitlose Appell „Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit!“ wurde eindringlich und überzeugend vermittelt. Abgerundet wurde der erste Abschnitt durch Messiaens harmonisch anspruchsvolles „Louange à l’Éternité de Jésus“. Auch wenn sich die Reihenfolge der Werke nicht in jedem Moment erschloss, gelang ein stimmiger Übergang zum Vocalensemble Acanto, mit dem gemeinsam die zweite Strophe von Fanny Hensels „Schweigend sinkt die Nacht hernieder“ musiziert wurde.
Es ist immer wieder beeindruckend zu erleben, wie sich Amateurchöre im Rahmen der Sonntagskonzerte auch zeitgenössischer Literatur widmen. Unter der Leitung von Helga Delgado erklang das anspruchsvolle Werk „Mosaics“ von Ursula Mamlok, das vom Vocalensemble Acanto überzeugend musiziert wurde. Das anschließende „Berlin 1“ thematisiert das Aufwachsen im geteilten Berlin; es wurde dem Ensemble gewissermaßen auf den Leib geschrieben und in Anwesenheit der Komponistin Julia Kursawe aufgeführt. Einen besonders berührenden Abschluss bildete Eislers „Und ich werde nicht mehr sehen“ in einem Arrangement von Hartmut Fladt.
Ein Novum der Sonntagskonzertreihe folgte im Anschluss: Zwei Werke wurden von gleichstimmigen Besetzungen aus Sänger:innen aller Ensembles musiziert (Bässe/Tenöre: R. Thompson „Stopping by Woods on a Snowy Evening“; Soprane/Alte: B. Vivancos „Nigra sum“). Eine hervorragende Idee, die dem Konzert zusätzliche klangliche Vielfalt verlieh.
Die zweite Hälfte verlagerte den Fokus vom Überleben auf das Leben selbst.
Der ‘HXOS Chor nutzte mit „Vidder“ (S. Austrud) den Raum eindrucksvoll durch Wechselgesang zwischen der Solistin im Saal und dem Chor auf der Bühne erfüllten die nordischen Klänge auf ganz besondere Weise den Raum. Der ‘HXOS Chor begeistert immer wieder durch auswendig gesungene Programme und eine flexible Nutzung des Raums und kann so abwechslungsreiche akustische Erlebnisse und einen besonderen Kontakt zum Publikum herstellen. Das zeigte sich auch berührende Weise im zypriotischen Wiegenlied „Agia Marina“ von A. Baltas. Runestads „Let My Love Be Heard“ wurde dynamisch differenziert und emotional eindringlich gestaltet.
Der Übergang zum vierten Ensemble erfolgte mit C. Stavrinides’ „Zypriotischer Serenade“, eindrucksvoll interpretiert von den Frauen des ‘HXOS Chors und des Jungen Frauenchors, begleitet von Bodypercussion durch Tenöre und Bässe aller Chöre. Es ist bemerkenswert, wie es den Dirigent:innen und Ensembles gelang, so viele gemeinsame musikalische Elemente in das Programm zu integrieren.
Der Junge Frauenchor Berlin unter der Leitung von Sabine Wüsthoff begeisterte mit einem kraftvollen und zugleich homogenen Klangbild. Die fundierte musikalische Ausbildung der Sängerinnen war deutlich hörbar, etwa in der ausgezeichneten Textverständlichkeit des Volkslieds „Es geht ein dunkle Wolk herein“. Das Arrangement von R. Füting stellte hohe intonatorische Anforderungen, die souverän gemeistert wurden. Einen mitreißenden und gelungenen Kontrast bildete die anspruchsvolle Komposition „Its Motion Keeps“ von Caroline Shaw, dessen wiederkehrende Formel „My days, my weeks my months, my years“ sich nachhaltig im Gedächtnis des Publikums verankerte und das Verrinnen der Zeit symbolisiert.
M. Kocsárs „Jubilate Deo“ bildete schließlich den fulminanten Abschluss eines anspruchsvollen und facettenreichen Konzertprogramms. Chapeau an alle Beteiligten!
Rezension: Kathrin Hübner